Eine Begegnung – Abschied von der Walz

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Die Zusammenkunft
Die Zusammenkunft

An einem heißen Samstagnachmittag im August komme ich von der Arbeit und bin auf dem Weg nach Hause. Da sehe ich sie im Vorbeifahren aus dem Augenwinkel. Eine auffällig gekleidete Truppe von circa zwanzig Personen mit schwarzen Hosen, weißen Hemden und schwarzen Westen. Sie tragen schwarze Melonenhüte oder Zylinder. Wandergesellen ist mein erster Gedanke.

Ein paar Meter entfernt steht eine weitere Gruppe Personen in einem Pulk zusammen. Normalerweise habe ich immer jede Menge Dinge zu erledigen, wenn ich Samstagnachmittags nach Hause komme. Diese Dinge heißen Haushalt und Einkaufen und an Tagen, wie diesem heißen Samstag, fällt mir diese Disziplin besonders schwer. Abwechslungen sind also willkommen.

Entgegen meiner Natur trete ich auf die Bremse, drehe meinen Wagen und fahre zurück. Ich fahre nochmals meinen Wagen an den beiden Gruppen vorbei und parke ein paar Meter weiter am Straßenrand. Schnell finde ich ein Grüppchen Zuschauer und stelle mich dazu. Von einer Dame erfahre ich, dass ein Bekannter, „der Große dort, mit dem grauen Anzug, den Rastas und dem schwarzen Zylinder“, nach fünf Jahren von der Walz zurück nach Hause kommt und seinen Abschied aus der Wandergemeinschaft feiert. Hier, an diesem Ort, markiert durch ein Ortsschild, ist er genau vor fünf Jahren los gewandert. „Damals noch ein Hämpfling“ so sagt sie. In der Tat sehe ich einen bärtigen Hünen inmitten der Gruppe seiner Walzbrüder, die gerade dabei sind, sich an den Händen haltend, einen Kreis um ihn zu bilden. „Sven“ so heißt er, erfahre ich, geht reihum, nimmt jeden seiner Freunde in den Arm und flüstert ein paar Worte. Ein paar Tränen fließen auch. Die Abschiedszeremonie beginnt.

Abschied im Kreis der Tipplebrüder
Abschied im Kreis der Tipplebrüder

Zeit für mich ein paar Fotos zu schießen und zu reflektieren. Was weiß ich eigentlich über die Wandergesellen? Nun es ist nicht viel, vielleicht das, was fast jeder weiß. Die Jungs und mittlerweile auch Mädels machen eine handwerkliche Lehre und gehen nach erfolgreichem Abschluss für eine bestimmte Zeit auf Wanderschaft. In jedem Ort bekommen sie Arbeit oder Essen und wenn es keine langfristige Arbeit gibt müssen sie weiter ziehen. Nach einer Zeit der Wanderschaft, in der sie als Geselle viele unterschiedliche Praktiken gelernt haben, dürfen sie den Meister machen. Es gibt auch eine verklärte romantische Seite. Zumindest für mich. Das ist die Wanderschaft an sich, das Reisen. Eindrücke sammeln und Menschen treffen. Alleine unterwegs sein, Zeit zum Nachdenken haben, das Gelernte verarbeiten. Oder auch zu Zweit oder mit mehreren unterwegs zu sein, feiern und Spass haben, in Geselligkeit. Neues kennen lernen, Meister oder auch Gesellen, die einem Tricks und Kniffe veraten. Ein freies Leben mit einer eigenen, für sich selbst aufgestellten Disziplin. Wo gibt es das noch? frage ich mich. Ein weiterer Aspekt und vielleicht einer, den man erst im fortgeschrittenem Alter zu schätzen weiß, ist die Tradition. Hier wird eine jahrhundertalte Tradition hochgehalten. Eine die es in dieser Form nur in Deutschland gibt. Traditionen im Allgemeinen, sind für unser Selbstverständnis als Volk oder Gruppe oder als Handwerker, eine wichtige Sache. Es fördert den Zusammenhalt. Eine Gesellschaft, die wie wir, immer mehr auseinanderbricht, braucht Traditionen. In diesem Moment bin ich froh, das ich nicht weiter gefahren bin. Sozusagen ein kleiner Teil dieser Zeremonie bin.

Wie sich herausstellt, ist die Dame neben mir die Tante des Rückkehrers und ich erfahre, dass es später eine kleine Feier in einem nahegelegenem Vereinsheim gibt und ich herzlich dazu eingeladen sei. Ein Angebot, das ich gerne annehme. Mittlerweile geht es drüben, auf der anderen Straßenseite weiter.

Der Pulk löst sich langsam auf, und unser Rückkehrer geht mitsamt seinem durch Lederschnallen zusammen gehaltenem Kleiderbündel und einem grob gedrechseltem Wanderstab Richtung Ortseingangsschild. Gefolgt von seinen Wandergesellen. Auf der anderen Seite des Ortsschildes steht eine weitere Personengruppe. Neugierig frage ich meine unmittelbaren Nachbarn und ich erfahre, dass dies dort alles Familie und Freunde seien. Inzwischen bildet sich vor dem Ortseingangsschild eine Reihe mit sich gegenüber stehenden Wandergesellen, die zwischen sich ihre gedrechselten Wanderstäbe halten. Die ersten drei Paare gehen etwas in die Hocke, so das eine kleine Treppe aus Wanderstäben entsteht. Sven erklimmt unter den Zurufen aller Umherstehenden die lebende Treppe und balanciert über die verbleibenden Wanderstäbe die paar Meter bis zum Ortseingangsschild. Dort klettert der Riese hoch und setzt sich nach einigen vergeblichen Anläufen rittlings oben drauf. Natürlich wird er von allen Seiten beglückwünscht. Der junge Mann ist nicht nur zwei Meter groß, sondern hat breite Schultern und Muskeln, alles in Allem, kein Fliegengewicht, welches das Schild erklimmt hat. In Anbetracht dieser kleinen Anstrengung nimmt er sich die Minute, genießt die Aussicht und die Zurufe und schaut auf seine „Begrüßer“ und „Verabschieder“ hinab. Denn das was jetzt folgt, erfordert schon einen gewissen Mut und blindes Vertrauen.

Nacheinander reicht man ihm sein Kleiderbündel und seinen Wanderstab, die er auf der anderen Seite, der Ortsseite, hinunter wirft. Nun hangelt er sich in eine Position, bei der ich zuerst denke, er klettert jetzt hinunter. Tatsächlich ist es aber so, dass die Familienmitglieder und Freunde sich so aufstellen, als ob sie ihn auffangen wollten. Das ist doch nicht deren Ernst, schießt es mir durch den Kopf. Bei der Größe wiegt der junge Mann locker einhundertzwanzig Kilogramm. Doch es ist deren Ernst. Nachdem er sich in Position gebracht hat, lässt sich Sven rücklings aus mindestens drei Meter Höhe fallen. Gott sei Dank ist nichts passiert. Seine Familie hat in wieder aufgefangen und alle schließen ihn in die Arme. Er ist angekommen. Nach fünf Jahren Wanderschaft! Langsam löst sich die Gesellschaft auf. Familie, Freunde, Wandergesellen und unbeteiligte Zuschauer. Ich gehe langsam und nachdenklich zu meinem Auto.

Später bei der Feier, zu der ich natürlich hingefahren bin, bleibe ich der Beobachter. Zu tief und zu persönlich sind die Verbindungen zwischen der Familie und den Wandergesellen die den Abschied einer Ihrer Brüder betrauernd feiern. Man erlaubt mir Fotos zu machen, ich trinke ein Bier und esse ein wenig Gegrilltes. Zurück bleibt für mich ein Gefühl, das ich nicht in einem Wort fassen kann. Bewunderung, Trauer und Faszination sind die drei Attribute die mir am ehesten einfallen. Bewunderung über den Mut zur Reise, die Faszination der Reise und des Abenteuers, des Zusammenhalts und gleichzeitig die Trauer und den Mut der Rückkehr. Selbst heute, ein paar Monate später, rührt mich diese Begegnung.

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